Tracht & Sitte

 

Zur Zeit ist die Begeisterung für Tracht nicht nur auf´s Gwand bezogen, auch bayrische oder alpenländische Musik erlebt eine Hochzeit – egal ob im Alpenrocker-Stil des Andreas Gabalier, der Blasmusik-Revolution á la LaBrassBanda oder ganz echt als Musikanten – Hoagascht: so vielfältig ist die Auswahl dass wirklich jeder „seine“ Volksmusik findet.

Und so individuell wird das Gwand interpretiert: Tracht ist Mode. Das ist über die letzten Jahre immer wieder zu sehen gewesen, die Mini-Dirndl zur Olympiade 1972 in München, der Landhaustrend in den 90er Jahren mit Tonnen von Leder, Leinen und Spitze und aktuell die Lust auf Dirndl und Lederhosen.

Von vielen Offiziellen der Trachtenvereine und Gauverbände wird diese Entwicklung nicht sehr begrüßt, bei diesen Institutionen ist der Begriff Tracht eher fest & eng eingegrenzt. Das ist schon im Bereich der Trachtenvereine zu spüren: Die Bekleidungsvorschriften sind ja schon sehr strikt, und bei jedem Verein etwas unterschiedlich: So ist es gar nicht so einfach wenn man z.B. nach einer Heirat in einen anderen Gau sein Röcke (schwarze Tracht der verheirateten Frauen mit Samthut) im Verein am neuen Wohnort anziehen möchte: Da kann dann die 2. Goldquaste am Hut und die reiche Dekoration der „fremden“ Röcke-Tracht den vereinsinternen Hütern der Bekleidungstradition durchaus ein Dorn im Auge sein. Auf gleiche Optik wird großen Wert gelegt, identische Joppen, Hüte, Seidenschürzen sind ja sowieso Standard. Dass aber die Stoffmuster und die Verarbeitung der schwarzen Frauentracht auch möglichst gleich sein sollen finden wir schon wieder erstaunlich: Bei den historischen Trachtenvereinen ist ja gerade die Vielfalt der Gewänder so schön, nicht die einheitliche Optik. Und dass früher die Frau vom Bürgermeister ein prächtigeres Röcke anhatte als die Bäuerin vom kleinen Sacherl erscheint uns durchaus wahrscheinlich; Eitelkeit und Standesbewusstsein sind auch keine Erfindungen der Neuzeit.

Wenn dann der Festzug stattfindet beginnt damit auch ein Wettbewerb um den Meistpreis: Der Verein mit den meisten Mitwirkenden am Festzug bekommt den Preis – allerdings nur, wenn die Bekleidung der Mitwirkenden den strengen Regeln entspricht. Das ufert dann für unser Dafürhalten schon mal aus: Wenn bei 32° C sich tausende Menschen in die Tracht werfen und einen durchaus mal kilometerlangen Zugweg auf sich nehmen finden wir das bewundernswert. Wenn sich dann aber die Kontrolleure auf den Boden werfen, um das Verbot des Tragens von Kniestrümpfen bei Mädchen und Frauen (echt sind nur Strumpfhosen!) zu kontrollieren, fragen wir uns schon. Wenn der Sommergast aus Wanne-Eickel in der übrig gebliebenen Volltracht des letztjährig verblichenen Onkel Rudi trachtenechter ist, als ein Vollblutmusiker mit einem etwas rausgewachsenen Haarschnitt, auch. Und wenn ein mit Pflaster abgeklebtes Brauenpiercing geht, ein 5cm zu langer Rock beim Röcke aber nicht, dann werden die Fragezeichen noch größer.

Die Kleiderwarte von Gau und Vereinen achten nicht nur im Wettbewerb auf Einhaltung aller geschriebenen und ungeschriebenen Regeln, da kann im Festzelt schon mal beim Vorbeigehen eine junge Trachtlerin gemaßregelt werden „Du host ja dein Huat auf wia auffegschissn!“ , nur weil diese – trotz der 32°C – den Hut aus Lüftungsgründen etwas kecker als sonst nach vorne geschoben hatte.

Diesen doch sehr engagierten Hütern der Tradition sei auch mal ein Blick zurück in die (eigene?) Vergangenheit zu empfehlen:

Auf Bildern aus den 70er Jahren sieht man sehr gewagte Rocklängen beim Röcke: Die ein oder andere sittsame Tracht der verheirateten Frau bekommt durchaus zeitgemäßen Pfiff – im Freilegen des Knies der Trägerin. Die Rocklänge der Mädchen-Tracht war auf alle Fälle sehr stoffsparend: Heutzutage geht diese Länge als Micro-Mini durch. Da wurde auch gerne mal die neue Dauerwelle vorgeführt, nur ansatzweise mit Hilfe eines Haarteils und ein paar Klammern als traditionelle Hochsteckfrisur getarnt. Bei den Dirndln wurde stolz der neue Pony mit Haarspray so geformt, dass er auf alle Fälle auch mit Hut seine Wirkung voll entfaltete.

Bei den Wettbewerben wie Dirndldrahn und Preisplatteln haben sich auch einige Dinge in die echte Tracht eingeschlichen deren historischer Ursprung uns bisher eher verborgen blieb: Beim Dirndldrahn hat sich schnell herausgestellt, dass das schnelle Drahn mit den Haferlschuhen der Herren einfacher ist als mit den üblichen Spangenschuhen: Sie sind flacher und weiter rauf geschnürt, so hat der Fuß einfach einen besseren Halt und das Dirndl kann schneller drahn. Und die geradezu geheimbundmäßige Wahrung des Geheimnisses vom perfekten Drah-Rock hat schon manche Vereinsfreundschaft entzweit. Denn wie ein Rock und passender Unterrock geschnitten & gereiht werden muss, dass er fliegt wie ein Teller, das ist wirklich ein Geheimnis. Seit wann allerdings historisch gesehen als schicklich gilt, dass man beim Drahn das Pumphoserl bis zum oberen Anschlag sieht, wissen wir auch nicht, aber im Wettkampf ist es heute durchaus von Vorteil.

Beim Preisplatteln soll es ja gescheit „schnallen“ wenn der Trachtler auf den Oberschenkel haut, deswegen hat sich der Gebrauch von Melkfett durchgesetzt-damit eingeschmiert werden enge Plattlerhosen schön weich & glatt, und es „schnallt“ ordentlich beim Platteln. Dass dann die irgendwie auch zweideutige Optik von glattem Nappaleder entsteht, wie es z.B. im Motorradbereich verwendet wird, ist leider ein unvermeidlicher Nebeneffekt der Behandlung.

Dies sind nur einige Schlaglichter darauf, dass auch die echte Tracht durchaus Entwicklungen durchmacht: So sollten auch die echten Trachtler die Entwicklung der gesamten Tracht etwas entspannter sehen, mit dem Wissen, dass die eigene Unfehlbarkeit auch nicht 100%ig war.

Ein paar sehr passende Bilder finden sich in den Chroniken der Trachtenvereine, die übrigens ganz zeitgemäß im Internet zu finden sind J

Z.B. hier http://www.hartseer.de/gallery/chronikbilder/

 

 

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